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Dokumentationen

Dokumentation zum Fachtag "Kinder mit Fluchterfahrung in der Kita" am 26.02.2016 in Dresden

Willkommen

Schwerpunkt des Fachtags war das Anliegen, sich der veränderten politischen Lage mit der Zunahme Geflüchteter in unserem Land konkret zu stellen, indem wir die direkte thematische Auseinandersetzung mit Interkulturalität, Traumatisierung und Mehrsprachigkeit suchten - und fanden. Der Fachtag sollte direkt an den Bedarfen der Pädagog*innen ansetzen, indem ausschließlich jene Menschen Theorie wie Praxis vermitteln sollten, die konkret und in ihrer alltäglichen beruflichen Praxis mit Erwachsenen und Kindern mit Migrations- und Fluchterfahrung zu tun haben. Wir wollten gemeinsam zu folgenden Fragen Antworten finden: Was bedeutet es für ein Kind und dessen Familie, geflüchtet zu sein? Was brauchen die Kinder von den pädagogischen Fachkräften? Wie zeigen sie es uns? Was bedeutet das alles für die eigene Handlungsfähigkeit im pädagogischen Alltag? 

Die theoretische Annäherung an Grundlagen zur Traumatisierung und wie man ihr im Kontext der Kita geeignet begegnen kann, übernahm Frau Sibylle Rothkegel, die den Fachtag mit einem äußerst informativen Vortrag eröffnete. Als Psychologin und Psychotherapeutin verfügt sie über jahrelange Erfahrungen mit traumatisierten Menschen. Sie konnte den pädagogischen Fachkräften wertvolle Informationen und Hinweise für den Kita-Alltag geben. So ist nicht jede Fluchterfahrung traumatisierend, da immer verschiedene Faktoren wie allgemeine Schutzfaktoren, Entwicklungsstand und psychische Gesundheit vor, während und nach der Flucht zusammenspielen. Ein Trauma wird in diesem Zusammenhang, Hans Keilson folgend, als sozialer Prozess verstanden, der entscheidend von der Wechselwirkung zwischen psychischer Befindlichkeit und sozialer Umwelt bestimmt wird. Die pädagogische Arbeit in der Kita gewinnt dadurch immens an Bedeutung, da sie – als sicherer Ort von Kindern und Eltern erlebt – Wertschätzung, strukturelle Klarheit, verbindliche Absprachen und eine Transparenz des Alltags ermöglicht. Das wirkt stabilisierend auf die Familie. Gezielte Integrationsaktivitäten, die die Familie in den Kita-Alltag einbinden, können eine psychosoziale Geborgenheit schaffen. Vertraute und positiv besetzte Elemente wie Bücher oder Bilder aus der verlassenen Heimat eröffnen in der noch fremden Umgebung Handlungsspielräume. 

Für ein Kita-Team bedeutet es, wie bei jeder anderen Familie auch, sich auf die Menschen einzulassen. Entscheidend sind hier die Auseinandersetzung mit den eigenen Werten, die – vorurteilsbewusste – Begegnung mit kultureller Vielfalt und die gemeinsame Reflexion über Chancen und eigene Ängste. Die eigene Handlungskompetenz im Bereich der interkulturellen Kompetenz zu stärken bedeutet auch, sich einer kulturalisierten Festschreibung entgegenzusetzen und stattdessen immer wieder zu fragen, wie es den Menschen geht und was sie zu diesem oder jenem Handeln bewegt. Ebenso sollten bestehende Hierarchien und unterschiedliche Vorstellungen über Kompetenzverteilungen thematisch aufgegriffen werden. Über eine respektvolle und ressourcenorientierte Elternarbeit kann es gelingen, die Familie einzubinden ohne sie zu bevormunden oder Hilflosigkeit ungewollt zu verstärken. 
Solange Dolmetscher nur vereinzelt zur Verfügung stehen, bleiben die Sprachbarrieren – gerade zu Beginn – eine große Herausforderung. Die persönliche Kommunikation ist jedoch entscheidend für eine stabile Basis zwischen Kita und Elternhaus, so dass auch die Möglichkeit genutzt werden sollte, andere Eltern mit einzubeziehen, sofern die Gelegenheit vor Ort vorhanden ist. Absehen sollte man von Übersetzungen durch Geschwisterkinder, da diese dann eine elterliche, sie überfordernde Rolle übernehmen. Auch besteht die Gefahr der zusätzlichen Schwächung der Eltern, die ohnehin den Verlust ihres gesamten sozialen, kulturellen und beruflichen Kontextes verschmerzen müssen. Frau Rothkegel konnte in ihrem Vortrag die Anwesenden ermutigen, sich der Herausforderung, Kinder mit Fluchterfahrung in der Kita willkommen zu heißen, zu stellen. Indem man sich mit ihnen gemeinsam auf Entdeckungsreise begibt, allen Beteiligten viel Zeit lässt, eröffnen sich neue Möglichkeiten für ein vielfältig geprägtes Miteinander. (Die PowerPoint Präsentation von Frau Rothkegel finden sie hier.) 

Dr. BerndtFr. Rothkegel

Frau Dr. Berndts Vortrag über interkulturelle Unterschiede und die Arbeit der Kita im Kontext dieser Interkulturalität griff direkt die Frage auf, welche Beobachtungen wir in der Kita machen können, wenn Menschen mit unterschiedlichem kulturellem Hintergrund aufeinandertreffen. Als Expeditionsleiterin auf verschiedensten Reisen u.a. nach Äthiopien, Iran und Tadschikistan kennt sie sich bestens mit verschiedensten Gewohnheiten, Verhaltensmustern und Ritualen aus anderen Ländern aus. Kulturelle Unterschiede lassen sich verallgemeinert in sog. Kulturdimensionen darstellen, die sich auf Werthaltungen, das Verständnis sozialer Rollen, Raum- und Zeitgefühl und Kommunikationsformen beziehen. So sind in arabischen Kulturen andere Gepflogenheiten üblich, wenn ein Mann eine andere, ihm fremde Frau begrüßt. Um ihr nicht zu nahe zu treten, wird er ihr nicht die Hand geben. Als unhöflich wiederum wird es dort erachtet, sich in einem öffentlichen Verkehrsmittel nicht direkt neben einen anderen (auch fremden) Fahrgast zu setzen. Für Gespräche in der Kita ist es wichtig zu wissen, dass die bei uns übliche sehr direkte Kommunikation, bei der man sehr schnell in eine Thematik einsteigt, in arabisch geprägten Kulturen viel indirekter verläuft. Hier steht ein Vertrauensaufbau im Fokus, um sich kennenzulernen. Entscheidend bei der Betrachtung kultureller Unterschiede ist es, das Anderssein zu akzeptieren und das Individuum in seiner Ganzheit wahrzunehmen, um Rollen nicht kulturalisiert festzuschreiben. Dies erfordert eine konkrete Auseinandersetzung mit den Menschen, die Lust, nachzufragen, sich zu informieren und in direkten Kontakt zu treten. Mit einer interkulturellen Übung konnten die Teilnehmer*innen des Fachtags testen, wie die Beobachtung kultureller Unterschiede wirkt und wie stark diese Wirkung von unseren eigenen Vorstellungen (vor)geprägt ist.

Fr. Voigt-Baranyai

Frau Claudia Voigt-Baranyai schloss als Leiterin der integrativen Kindertagesstätte „Tabaluga“ (Malwina e.V.) den Vortragsteil des Tages, indem sie über ihre Erfahrungen mit den Kindern ihrer Einrichtung berichtete. Die im Stadtteil Johannstadt in Dresden gelegene Kita betreut viele Kinder mit Migrationserfahrung und seit kurzer Zeit auch Kinder aus geflüchteten Familien. Sehr anschaulich gelang es Frau Voigt-Baranyai, lebendige Beispiele zu schildern, wie es gelingen kann, die Familien einzubeziehen und mit ihnen gemeinsam eine gute und kindorientierte Betreuung ihrer Kinder zu gewährleisten. Herausforderungen zeigen sich in der Kita immer wieder – sei es der Essensanbieter, die Übersetzungsproblematik beim Elterngespräch oder die Eingewöhnung, bei der verschiedene Einstellungen aufeinandertreffen. Frau Voigt-Baranyai zeigte Lösungswege auf, wie man sich den Anforderungen mit der entsprechenden wertschätzenden Grundhaltung stellen kann und damit kleine erfolgreiche Schritte geht. Sie konnte genau an den Stellen ansetzen, an denen die Teilnehmer*innen in ihrer täglichen Arbeit stehen. 

Als besonderer Höhepunkt des Fachtags konnten Interviewgäste begrüßt werden, um über ihre eigenen persönlichen Erfahrungen zu berichten. Wir hießen eine Syrerin und eine afghanische Familie willkommen, die von der Ankunft ihrer Kinder in der Kita erzählten. Wir konnten erfahren, wie wichtig die Unterstützung durch die Kita war, um bürokratische Hürden zu meistern sowie Ängste und Sorgen zu überwinden. Die Achtsamkeit, die den Kindern in der Kita geschenkt wird, wurde und wird sehr dankbar angenommen, da die Eltern selbst müde und erschöpft von dem ganz anders strukturierten Alltag und den damit verbundenen Herausforderungen hier in Deutschland sind. In diesem Zusammenhang wurde um Verständnis für die besondere Situation der Flüchtlinge gebeten. Der aus Afghanistan stammende Vater bedankte sich herzlich für die gute Betreuung seiner Tochter und die Unterstützung durch die TSA-Kita „Grunaer Kinderwelt“ sowie die deutsche  Gastfamilie, die ihnen eine Wohnung zur Verfügung stellte.

Diese sehr berührende persönliche Begegnung machte Mut, sich den aktuellen Anforderungen zu stellen und wird in Erinnerung bleiben. 

Dr. Herrmann

 

Unsere Buchempfehlungen: 

Irena Kobald & Freya Blackwood. Zuhause kann überall sein. Knesebeck Verlag.

Kirsten Boie & Jan Birck. Bestimmt wird alles gut. Klett Kinderbuch.